Als ich vor ein paar Jahren mit meinem Rollator über eine Familienfeier humpelte, noch deutlich langsamer und unbeholfener als heute, fragte mich eine entfernte Verwandte, wann ich „es denn endlich geschafft“ hätte. Die Frage machte mich derart perplex, dass ich mich gar nicht erinnern kann, ob mir überhaupt eine Antwort eingefallen ist. Klar war mein Gangbild nicht perfekt, aber hey, ich konnte laufen, und das war doch großartig. Nebenbei hatte ich noch ganz andere Sachen geschafft. Fallschirmspringen mit Querschnitt als eine von vielleicht weltweit zehn. Wingsuitfliegen, welch ein Abenteuer. Und nicht zu vergessen meine bilderbuchmäßige Schwangerschaft und Geburt.

Was kommt danach? Heute, wo ich diesem ominösen Endzustand näher bin als jemals zuvor? Die meisten Heldengeschichten enden, nachdem der Held seine Tat vollbracht hat. Wir vermuten, er kehrt danach in seinem Alltag zurück und lebt ein entspanntes, glückliches Leben. Oder kommt da noch mehr, gibt es eine Steigerung nach all diesen Erlebnissen? Moment mal, genau das ist es. Vielleicht ist der Übergang zu einem normalen, unspektakulären Alltag sogar die größte Herausforderung der letzten Zeit. Eine Welle der Begeisterung trug mich zum nächsten Sprung. Für die nächste Waschladung interessiert sich niemand. Keine Talkshow berichtet über meine Fortschritte bei der Organisation der Kinderbetreuung oder das rechtzeitige Anbringen der Weihnachtsdekoration. Und dann ist dieser verdammte Alltag nicht nur undankbar, sondern so unendlich umfangreich, und in jedem Teilbereich lauern Fallstricke, und schaffen kann man ihn sowieso nicht, da er jeden Morgen von neuem beginnt. Wie einfach ist es hingegen, ein einzelnes, wenn auch hochgestecktes Ziel zu erreichen. Das ist nur eins. Und je wichtiger das Ziel ist, desto unwichtiger werden die stressbeladenen, nervigen, unschaffbaren Dinge des Alltags. Es ist schon paradox, dass ich mein Handicap loswerden wollte, um genau diesen Alltag in seiner ganzen Banalität wieder zu bekommen.

Manche Dinge sieht man erst auf den zweiten Blick. Wenn ich es zu meinem nächsten Ziel erkläre, den täglichen Trott besser zu bewältigen, dann unterscheidet mich das nicht mehr von der Masse meiner Mitmenschen. Genau das sollte als Zeichen größtmöglichen Fortschritts betrachtet werden.

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