Roger Bannister war ein guter Leichtathlet seiner Zeit mit durchaus ansehnlichen Leistungen. Die Mittelstrecke war sein Ding, eine Olympiateilnahme Anfang der Fünfziger brachte einen vierten Platz. In die Geschichte eingehen sollte er für seine Lieblingsstrecke, die englische Meile (1609m). Der Weltrekord lag damals bei 4:01,4 min, und dieser Marke näherte er sich langsam aber sicher. Doch er wollte nicht nur den Weltrekord knacken, sondern hatte noch Größeres vor. Die magische Grenze von vier Minuten wollte er unterschreiten.

„Unmöglich“, schallte es ihm fast einstimmig entgegen. Mehr noch, Menschen rechneten ihm vor, dass das physikalisch einfach nicht drin wäre. Andere warnten ihn vor ernsten Folgen, er könnte sterben bei diesem Versuch und solle es doch lieber bleiben lassen.

Roger Bannister trainierte unbeirrt weiter. Er lief die Meile in 4:03,6, dann in 4:02,0. Schließlich startete er zum offiziellen Weltrekordversuch, und war nach 3:59,4 min im Ziel. Er erfreute sich immer noch bester Gesundheit, das Dogma war überwunden.

Der Weltrekord hielt nicht lange, im gleichen Jahr wurde die vier-Minuten-Grenze noch dreimal unterboten.

Dass beharrliches Training zum Erfolg führt, ist hierbei ein nebensächliches Fazit. Viel faszinierender (positiv wie negativ) finde ich, welche Macht kollektive Glaubenssätze haben, auch wenn sie objektiv betrachtet Unsinn sind. Ist erst einmal das Gegenteil bewiesen, ist die Grenze mit deutlich größerer Leichtigkeit zu überwinden. Also ich gehe schonmal mit gutem Beispiel voran, im wahrsten Sinne des Wortes.

Noch kann ich mit meinen zurückgewonnenen Gehfähigkeiten Menschen zutiefst beeindrucken. So wie letztens, als ich eine Frau im Treppenhaus traf, die selbst nicht besonders gut zu Fuß war, und deswegen wartete, weil wir beide das Geländer benötigten. Das folgende Gespräch ging etwa so:
„Ich warte kurz, ich bin auch nicht so gut zu Fuß.“
„Ich auch nicht, ich hatte ne Hüft-OP. Und Sie?“
„Ich hab nen Querschnitt“
Stille, sie schaut verwirrt, dann macht sie mit der Hand eine Durchschneide-Geste am Rücken
„Sie meinen, so?“

Auch wenn solche Situationen einen gewissen Humor beinhalten und eine Genugtuung für die Mühe meines Trainings bieten, sie sollten nicht mehr passieren, zumindest nicht so oft. Denn jede dieser Situationen zeigt, dass dieses Dogma bezüglich Querschnitt (völlig zu Unrecht) immer noch besteht, und dass es damit die Patienten um ein Vielfaches schwerer haben, das Bestmögliche herauszuholen.

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1 Kommentar

Eduard Urban · 10. August 2018 um 20:33

Susanne Böhme ist eine starke Frau, die das Motto lebt: facit omnia voluntas. Ich finde es sehr beeindruckend, wie Sie Ihren Unfall und dessen Folgen nicht nur verarbeitet sondern eindrucksvoll beweist, dass der Wille entscheidet und was man damit erreichen kann. Ich verfolge gerne „steh-auf-und-flieg. Ich lebe gerne nach dem Motto: facit omnia voluntas. Ich wünsche Frau Böhme weiterhin viel Erfolg. Ich habe letztes Jahr meinen ersten Tandemsprung aus 4000m gemacht , werde die Sprungausbildung und verstehe daher Frau Böhme, warum sie unbedingt wieder „fliegen „ möchte. Genussläufer eddi

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